20 Prozent bis 2020 - Selbstständigkeit als Gesellschaftsziel
18.09.2007
20prozent e.V. ist ein Zusammenschluss von zukunftsorientierten Selbständigen in Deutschland. Die Mitglieder des Vereins bekennen sich zu Selbständigkeit und Unternehmertum und ihrer daraus resultierenden wirtschaftlichen und sozialen Verantwortung. Das Ziel: 20% Selbständige bis 2020. Das klingt toll, verleitet den einen oder anderen aber auch zu einem ungläubigen Lächeln. Doch Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender Michael Kroheck ist davon überzeugt: Wir können auch anders! Selbstständigkeit versus Normalbeschäftigung. Das eigene Potential nutzen, statt vertröstet zu werden. Wir haben nachgefragt.
Herr Kroheck, was ist das konkrete Ziel von 20prozent e.V.?
Ziel des Vereins ist es, die Selbständigenquote im Jahr 2020 auf 20 Prozent zu steigern. Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützen wir Menschen und Organisationen bei der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen sowie bei deren Sicherung. Des Weiteren fördert 20prozent e.V. Institutionen, Organisationen und Menschen, die selbst Projekte organisieren und durchführen, die den o.g. Zielen entsprechen.
Für mehr Selbständigkeit in Deutschland ist es außerdem unerlässlich, eine breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren: für die notwendige Unterstützung aller Aktivitäten, die der Entwicklung einer höheren Selbständigenquote in Deutschland dienlich sind.
Warum braucht Deutschland 20 Prozent mehr Selbständige?
Die heutige Verteilung von Angestellten zu Selbständigen wird sich in den kommenden Jahren verändern: Wir brauchen mehr Selbständige als heute, weil es zukünftig immer weniger abhängige Arbeit geben wird. Das Potenzial für unsere Wirtschaft liegt demnach in der Selbständigkeit. Die Arbeitswelt wird sich in den nächsten Jahren gravierend verändern. Vermutlich werden wir bis 2020 ohnehin mehr als 20% Selbständige haben. Die Frage ist: Wollen wir diesen Veränderungsprozess schmerzhaft erleiden oder ihn kreativ gestalten?
Wie realistisch ist die Vision des Vereins: 20 Prozent Selbständige bis 2020?
Laut Institut für Mittelstandsforschung (ifm) in Bonn hatten wir 2005 exakt 36.843 Insolvenzen und rund 431.000 Liquidationen. In Summe verschwanden so 480.000 Unternehmen von der Bildfläche. Im Gegenzug wurden im gleichen Jahr 471.000 Unternehmen gegründet. Im Saldo also ein Nullsummenspiel. Deshalb stagniert unsere Selbständigenquote bei knapp über 10%.
Eine Verdoppelung der Selbständigenquote wäre vergleichsweise einfach: Jeder, der heute bereits selbständig ist, hat theoretisch zwei Aufgaben:
1. Er hilft einem, der bereits selbständig ist, nicht insolvent zu gehen bzw. liquidieren zu müssen und
2. Er überzeugt einen Angestellten, den er für fähig hält, ein erfolgreicher Selbständiger oder Unternehmer zu sein, und hilft ihm auf diesem Weg.
In der Praxis gestaltet sich das natürlich etwas schwieriger. Derzeit hat Deutschland rund 3,3 Millionen Unternehmer, von denen fast ein Drittel nebenberuflich gewerblich tätig ist. Wenn wir eine Verdopplung dieser Zahl erreichen wollen, ist es utopisch, dass ein einziger Verein in 12 Jahren mehr als 3 Millionen Existenzgründungen für sich verbuchen kann. Diese Vision ist nur realisierbar, wenn alle Initiativen mit vereinter Kraft agieren. Insofern hoffen wir darauf, dass wir mit unserer Kampagne möglichst viele dieser Initiativen erreichen und mit diesen in noch zu definierender Form zusammenarbeiten können.
Darüber hinaus kann jeder durch seine Mitgliedschaft im Verein dazu beitragen, diese Vision wahr werden zu lassen.
20 Prozent, das klingt verlockend. Wir von GiT tragen mit unserem Konzept ja selbst viel dazu bei, dass eine neue Kultur der Selbstständigkeit entsteht. Wo liegt Ihr Ansatz?
Wann immer erfolgreiche Gründungen in Deutschland entstehen, helfen erfahrene Unternehmer im Hintergrund – genau das ist unser Ansatz: das Wissen, die Fähigkeiten und die Kontakte bereits erfolgreicher und erfahrener Unternehmer einzusetzen, um jenen zu helfen, die noch am Anfang ihres unternehmerischen Lebenszyklus stehen.
Was unterscheidet Sie ganz konkret von anderen Initiativen? Planen Sie konkrete Workshops, Teilprojekte, Initiativen?
In fast allen Gründungsinitiativen arbeiten entweder ehrenamtliche Mitarbeiter oder Menschen, die das Thema Selbständigkeit nicht als eigene Lebensform praktizieren. So wichtig und hilfreich die Arbeit dieser Menschen in der Phase vor und während der Gründung ist: spätestens, wenn der Ernst des unternehmerischen Lebens begonnen hat, stehen viele Jungunternehmer allein da und die Gründungsinitiativen haben nicht mehr die richtigen Antworten auf die Praxisprobleme des Alltags. Bei 20prozent engagieren sich ausschließlich Unternehmer, die den jungen Unternehmern helfen. Das Wissen, das hier vermittelt wird, steht in keinem Lehrbuch und auf keiner Folie! 20prozent e.V. ist demnach wesentlich mehr als eine „Gründerinitiative“. Der Verein ist das Sprachrohr all derer, die helfen, unser gemeinsames Ziel zu erreichen.
Ein Kernaspekt ist also das Mentoring - Erfahrene Selbstständige geben ihre Kenntnisse weiter. Geben diese auch konkrete, individuelle Hilfen? Kontinuierlich oder punktuell?
Einerseits findet Hilfe und das Beantworten von Fragen in unserem Online-Forum statt. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Im direkten Kontakt unserer Mitglieder untereinander werden Probleme und Herausforderungen gelöst, für die man an anderer Stelle viel Geld bezahlen müsste, wenn man sich einen externen Berater suchen würde. Darüber hinaus starten wir Mitte November mit unserem Format „Wissenswerkstatt“: erfahrene Unternehmer berichten über ihre Probleme und Herausforderungen bei bestimmten Themen. Unsere erste Wissenswerkstatt wird sich z.B. mit dem Thema Übernahme einer Firma im Rahmen der Nachfolgeregelung beschäftigen – aber eben nicht theoretisch, sondern da steht ein Unternehmer vor den Teilnehmern, der es selbst gemacht hat und mit seinem kompletten Vermögen und seiner gesamten Existenz die Nachfolge angetreten hat. Der Mann erzählt Geschichten - aus dem realen Leben!
Sie adressieren Ihre Botschaft vor allem an Hochqualifizierte. Auch diese Menschen brauchen Mut, Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen und sehr viel Engagement. Wie wollen Sie dieses Potential aktivieren?
Aus unserer Erfahrung und aus aktuellen Studien wird deutlich, das höher qualifizierte Menschen auf dem Weg in die Selbständigkeit viel stärkeres Augenmerk auf skalierbare Geschäftsmodelle haben. Das bedeutet in der Praxis, dass diese Menschen nicht nur nach einer neuen Erwerbsform für sich selbst suchen, sondern auch Arbeitsplätze schaffen. Das macht diese Zielgruppe so wichtig bei unserer Initiative. Aber es stimmt: auch diese Menschen benötigen eine gehörige Portion Mut, Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen und Engagement, um sich erfolgreich selbstständig machen zu können. Diese Energie kommt aber aus den Menschen selbst, wir haben hier bestenfalls eine Motivationsfunktion – wir schaffen den Rahmen, geben Impulse, weisen auf mögliche Gefahren und Fehlerquellen hin – und fordern auf zum Handeln und Tun – denn nur so entstehen Fakten und Ergebnisse, aus denen man wiederum Schlüsse für weiteres Handeln ziehen kann.
Bestimmte Grundfähigkeiten sind einfach nötig, z.B. eine Idee auch verfolgen zu können. Wie wollen Sie solche Menschen „entdecken“ und motivieren?
Wir müssen sie gar nicht entdecken und auch nicht motivieren. Durch die hohe Medienwirksamkeit und –präsenz des Vereins finden die Menschen zu uns, die den Willen haben, etwas zu realisieren, dass sie in die Selbständigkeit führt.
Selbstständigkeit ist ja letztlich auch eine Art Berufung. Man muss spüren, dass einem diese Art der Beschäftigung, eben nicht abhängig, mit vielen Freiheiten, aber auch mit vollem Risiko, taugt.
Aus meiner Sicht ist Selbständigkeit keine Berufung. Wir alle werden als selbständige Individuen geboren, entwickeln uns zu Persönlichkeiten und werden dann im Berufsleben zurecht gestutzt auf Funktionsträger. Zunächst geht es also erst einmal um einen Bewusstwerdungs-Prozess: Vom abhängig Beschäftigten, weisungsgebundenen oder –befugten Gehaltsempfänger zum unabhängigen, selbständigen Unternehmer – eine sehr schwierige Transformation. Ein Prozess, den wir nur anstoßen können, aber durch den jeder Mensch selbst gehen muss.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass häufig auch Menschen, die sich noch nicht so intensiv mit dem Gedanken an eine Selbstständigkeit beschäftigt haben, weil sie vielleicht ihre Kompetenz nicht so spüren oder ihre eigene Qualifikation auf den ersten Blick keine Selbstständigkeit hergibt, jede Menge nachhaltiges Potential entwickeln? Und vielleicht mit einem ganz anderen Thema startet. Welche Rolle spielt diese Zielgruppe für Sie?
Das ist unsere Lieblingszielgruppe: Menschen, für die Selbständigkeit bislang kein Thema war, weil sie z.B. in Ihrer Anstellung genug Freiraum zur Gestaltung bekommen. Oder weil sie sich ihrer Talente und Fähigkeiten gar nicht so bewusst sind. Ein Immobilienmakler, der eine Videoproduktionsgesellschaft gründet, ein IT-Manager, der ein Fotostudio im Rahmen der Nachfolge übernimmt, ein Dachdecker, der nach 35 Jahren angestelltem Dasein eine Idee verwirklicht, die er schon mit 20 hatte – all das sind Fälle aus unserer Praxis, die Ihre These bestätigen.
Sie haben sich als überzeugte Selbstständige zusammengetan. Aber auch Sie brauchen für eine solche Aufgabe Geld. Wie finanzieren Sie sich?
Bis jetzt sind wir komplett privat finanziert. Die Vereinsgründung, das Online-Portal, sämtliche Werbemittel, die Pressearbeit – alles von Helge Thomas und mir finanziert. Denn wir glauben an die Sache.
Für unsere künftige Vereinsarbeit und die von uns geplanten Projekte benötigen wir die Beiträge unserer Mitglieder.
Wer kann mitmachen? Und wie?
Mitmachen kann jeder, der selbständig ist, Freiberufler oder Unternehmer sowie all jene, die mit dem Thema „Selbständigkeit“ liebäugeln. Als potentieller Gründer bewirbt man sich online zur Teilnahme an den von uns angebotenen Formaten. Derzeit gibt es keine Selektion der Teilnehmer, da Formate wie „Unternehmerwerkstatt“ oder „Wissenswerkstatt“ primär auf den Erfahrungsaustausch fokussiert sind und nicht auf die Bereiche Lernen/Lehren oder Weiterbilden.
Das hört sich alles sehr spannend an. Wir werden die Entwicklungen mit großem Interesse begleiten – ja, und vielleicht auch ein Stück Wegs gemeinsam gehen. Herzlichen Dank für das Interview. Und uns allen (weiterhin) viel Erfolg!
Die GiT-Fragen stellte Anke Patt
Autor(in): Anke Patt, Michael Kroheck
