Corporate Social Responsibility - Mit Verantwortung handeln
19.12.2007
Sind Sie Mitglied in einem Bürger-, Sport- oder Musikverein? Dann tragen Sie mit Ihrem Einsatz schon ein kleines Stück zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Engagieren Sie sich darüber hinaus vielleicht sogar ehrenamtlich ökologisch, sozial oder kulturell? Dann übernehmen Sie aktiv Verantwortung für die lokale Zivilgesellschaft und befinden sich damit in bester Gesellschaft. Auch die Unternehmen haben die Verantwortung für ihr Handeln neu entdeckt. Firmen wie Adidas, BMW oder TUI übernehmen gesellschaftliche Verantwortung im Rahmen ihrer Produkte und durch konkrete Projekte (www.csrgermany.de) und stellen sich den ökonomischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen der globalisierten Wirtschaft.
Bereits in der abendländischen Tradition gehörte der individuelle Beitrag zum Gemeinwohl unverzichtbar zu einem sinnerfüllten Leben. Schon in den Stadtgesellschaften der Antike Griechenlands war es Sache jeden männlichen Bürgers sich für das Gemeinwesen zu interessieren, für dessen Wohl zu engagieren und in den Versammlungen über die Belange der Stadt zu diskutieren. Wer an solchen Versammlungen nicht teilnahm und sich auch den Angelegenheiten des Gemeinwesens verweigerte, war ein idiótes, also ein Privatmensch: „Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger,“ formulierte es der Athener Perikles etwa 500 vor Christus. (Quelle: Wikipedia)
Fragt man heute Menschen nach den Motiven für ihr Engagement, spielt durchaus das Bedürfnis nach Mitgestaltung der - meist lokalen - Gesellschaft eine Rolle. Dazu kommt der Wunsch nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung. Soziale Motive, der Wunsch nach Spaß und Kontakt mit Gleichgesinnten stehen im Vordergrund der konkreten Erwartungen an die freiwillige Tätigkeit. Eine Bekannte, die in einem Frauenverband aktiv ist und regelmäßig im Altenheim Besuche macht, nennt als Grund für ihren Einsatz vor allem „die Freude, anderen Menschen zu helfen“. Ihr Mann, seit Jahren als Vorsitzender des Bürgervereins aktiv, möchte „ein Stück Heimat mitgestalten und erhalten“. Beide finden in ihrer Arbeit ein großes Stück persönlicher Befriedigung.
Der Begriff „Ehrenamt“ hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Erweiterung erfahren. Schlagworte wie „Corporate Citizenship“ und „Corporate Social Responsibiltiy“ haben längst Einzug in große Unternehmen gehalten und sind Teil der Kommunikationsstrategie geworden. Bürgerschaftliches oder gesellschaftliches Engagement gehört zum guten Ton und ist häufig im Unternehmensleitbild fest verankert. Die Unternehmen haben inzwischen sogar erkannt, dass Umwelt- und Sozialengagement ein Mittel zur Differenzierung sein kann. Dies gilt auch im Wettbewerb um gute Mitarbeiter. Wer identifiziert sich nicht gerne mit einem Unternehmen oder Produkt, das auch eine hohe Glaubwürdigkeit transportiert?
Auch kleine und mittelständische Unternehmen werden zunehmend sichtbar aktiv.
Dabei geht es aber nicht nur um Geld. Mit ihrem praktischen Know-how und ihrer regionalen Kompetenz können Unternehmen meist viel effektiver und kreativer helfen als der Staat. Vor allem durch Partnerschaften mit anderen Unternehmen, der Kommune oder Vereinen kommt Bewegung in festgefahrene Situationen. Die Unternehmen selbst gewinnen neue Kontakte, Ideen für ihr Geschäft, und ihr guter Ruf eilt ihnen voraus. Dann profitieren alle von der Partnerschaft. Noch wissen viel zu wenig Menschen in Deutschland, wie engagiert familiengeführte und mittelständische Unternehmen sind. Die Bertelsmann Stiftung hat dazu im Frühjahr dieses Jahres die Initiative „Unternehmen für die Region“ ins Leben gerufen. Die virtuelle „Landkarte des Engagements“ soll regionales, unternehmerisches Engagement sichtbar machen.
Wir fragen Gerd Placke, Projektmanager im Bereich Corporate Social Responsibility der Bertelsmann Stiftung.
Herr Placke: Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship - gewaltige Begriffe. Was verbirgt sich dahinter?.
Während man unter Corporate Social Responsibility die glaubhafte Integration gesellschaftlicher und ökologischer Aspekte in ökonomisches Handeln erfasst, versteht man unter dem zweiten Begriff das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen, das über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinausgeht. Wir präferieren in unserem Projekt allerdings stets deutschen Begriffe, weil wir ein eigenes Verständnis für diese Begriffe herstellen wollen, das mit unseren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen kompatibel ist.
Fast ein Jahr Projektarbeit der Initiative „Unternehmen für die Region“ ist um. Jetzt bringt die Bertelsmann Stiftung sogar ein Buch mit Praxisbeispielen heraus. Das heißt, die Initiative war/ist ein voller Erfolg? Was war der Impuls? Und ihr Erfolg?
Es geht letztlich darum, dass unternehmerisches Engagement in unserer Gesellschaft positiver wahrgenommen wird. Unternehmerisches Engagement kann selbstverständlich kritisiert werden, wir benötigen allerdings eine gesellschaftliche Haltung, die jedes Engagement – sei es von Personen oder sei es von Organisationen zunächst einmal positiv würdigt, daran hapert es bei uns häufig. Vor diesem Hintergrund wollen wir die unübersehbaren Aktivitäten sichtbar machen: Mittlerweile sind über 700 Unternehmen auf unserer Webseite vertreten. Dies ist unseres Wissens nach die größte deutsche Plattform zu diesem Thema.
Mit „unternehmerischen Aktivitäten“ verbindet man häufig Geld- und Sachmittel. Doch auch Know-How ist zunehmend gefragt. In welcher Form zeigt sich das Engagement der Mitmachenden?
Die Phantasie der Unternehmen kennt hier keine Grenzen! Grundsätzlich möchten wir betonen, dass vor allem die Unterstützung abseits des Geldes bedeutsam ist. Geld ist eine eher passive Unterstützung während die Unterstützung mit Ressourcen, Arbeitseinsatz oder Know-how aktiv ist. So können Unternehmen durch Räume und technische Hilfsmittel gemeinnützigen Organisationen helfen, die keine so gute Ausstattung haben: Mit ihrem Personal bei freiwilligen Arbeitseinsätzen können sie in kurzer Zeit erstaunliches leisten oder mit ihrem Know-how für Gemeinnützige fachliche Unterstützung geben.
Das ist ja auch schon ein Thema für Existenzgründer. In welcher Form?
Wir haben in Deutschland eine Debatte um sogenannte „Social Entrepreneure“. Darunter versteht man unternehmerisches Handeln, das auf die nachhaltige Lösung eines gesellschaftlichen Problems mit innovativen Mitteln abzielt, anstatt ausschließlich profitorientierte Ziele zu verfolgen. Diese Debatte hat auch Auswirkungen auf das Thema Existenzgründung im Allgemeinen, weil die gesellschaftlichen Herausforderungen drängender werden, langfristige Lösungen zu liefern. Hier können „traditionelle“ Unternehmer vom sozialen Unternehmertum etwas lernen.
Welche Erfahrungen haben Sie konkret gemacht? In Amerika gehört das Ehrenamt längst in jede Vita. Ist CSR inzwischen auch in Deutschland ein flächendeckendes Unternehmensthema oder steckt das Ganze noch in den Kinderschuhen?
Das Phänomen „gesellschaftliche Verantwortung“ steckt in Deutschland nicht in den Kinderschuhen, gemeinnützige Aspekte wirtschaftlichen Handelns waren stets Ausgangspunkt unternehmerischen Tuns deutscher Unternehmensgründer. Unternehmer wollen mit ihren Produkten stets einen gesellschaftlichen Mangel beseitigen helfen. Wo wir Nachholbedarf haben, ist dieses Engagement auch sichtbar zu machen. Unternehmen gehen mit ihrem Engagement viel zu verhalten um. Wir brauchen eine Sichtweise, die den Nutzen des Engagements aktiv in eine Verbindung zum Nutzen für das Unternehmen bringt. Es ist nicht verwerflich, dieses auch im Sinn zu haben und dies zu kommunizieren. In der Generierung eines individuellen Nutzens steckt die Chance allgemeinen Nutzen herzustellen.
Deutschland macht für fünf Minuten das Licht aus, auf den aktuellen Weihnachtsfeiern wird über den Stromanbieterwechsel heiß diskutiert. Ist das Ganze vor allem ein Stück Gruppendynamik? Oder geht da wirklich ein Ruck durch die Gemeinde?
Wir sind in der Bertelsmann Stiftung sehr verhalten bei der Frage, ob wir einen „Ruck“ in unserer Gesellschaft benötigen. Wir benötigen zuerst ein substanzielles Verständnis darüber, dass stetiger Wandel notwendig für unsere Zukunftsfähigkeit ist. Weil die Welt sich verändert, müssen wir uns auch verändern. Dieser Ansatz wirkt nachhaltiger als der Versuch, in Aktionismus zu verfallen, der die Menschen überfordern kann.
Was sind aus Ihrer Sicht die Motivationsfaktoren für gesellschaftliches Engagement? Bei den Unternehmen? Privat? Verbinden sich da manchmal auch private mit beruflichen Interessen?
Bei Personen sind die Motive so unterschiedlich wie die Menschen selber sind. Das ist nicht in wenigen Sätzen zu beantworten. Klar ist für mich, dass Menschen nur dann aktiv werden, wenn sie einen Nutzen davon haben. Für Unternehmen könnte eine Strategie zukunftsweisend sein, die sich an dem orientiert, was der Philosoph Odo Marquard in unternehmenskultureller Absicht beschrieben hat: Dass Unternehmen durch gut gestaltete gesellschaftliche Verantwortungsübernahme das Feld des jeweils Eigentümlichen ihres Unternehmens markieren können, in dem sie mittels ihres Engagements Alleinstellungsmerke entwickeln und auf diese Weise den zunehmenden Gleichförmigkeiten im globalisierten Produktionsprozess etwas Besonderes entgegensetzen könnten.
Sind Sie selbst ehrenamtlich aktiv?
Gegenwärtig bin ich nicht freiwillig aktiv, mein drei Monate alter Sohn fordert mich neben meiner zweieinhalbjährigen Tochter ganz! Engagement gehört aber zu meinem Leben. Ich war beispielsweise mehrere Jahre in einem Zivilcourage-Projekt in Belarus aktiv und im letzten Jahr habe ich eine „StartSocial“-Beratung geleistet, indem ich eine Internet-Initiative unterstützt habe.
Die Landkarte des Engagements ist ja noch aktiv. Wer kann daran teilhaben und wie?
Unternehmen können sich hier weiterhin eintragen. Die Kampagne geht jetzt in eine zweite Phase, denn aus den vielen guten Beispielen wollen wir jetzt ein Projektmanagement-Handbuch herausfiltern, das auf allgemeiner Ebene beschriebt, worauf es bei solchen regionalen Projekten ankommt.
Hinweisen möchte ich darüber hinaus noch auf einen anderen Bestandteil unseres Projektes: Unter www.gute-geschaefte.org können Unternehmen und Gemeinnützige Informationen erhalten, wie sie an einen Kooperationspartner für gemeinsame Projekte kommen können. Wir sind der Überzeugung, dass diese Kooperationen „gute Geschäfte“ im wahrsten Sinne des Wortes sind, d.h. Gewinn für alle Beteiligten beinhaltet.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Über Gerd Placke
Dr. Gerd Placke ist Projektmanager im Projekt “Corporate Social Responsibility” der Bertelsmann Stiftung. Er hat über 10 Jahre Berufserfahrung in Non-Profit-Organisationen als Erwachsenenpädagoge, Projektmanager und Geschäftsführer. Diverse Artikel und Veröffentlichungen zum Themengebiet Corporate Citizenship und bürgerschaftliches Engagement liegen von ihm vor. Mehr über ihn finden Sie hier http://www.competence-site.de/cc/experten.nsf/experte/P3069-Gerd-Placke
Autor(in): Anke Patt, Gerd Placke
