Die Unternehmerpersönlichkeit - Angeboren oder erlernbar?
01.09.2008
"Eine unternehmerische Idee zu erarbeiten und sich das Know-how anzueignen, um sie am Markt einzuführen, gehört sicher zu den spannendsten, lebendigsten und lernintensivsten Dingen, die man sich vorstellen kann." Günter Faltin / Sven Ripsas
Die Unternehmerpersönlichkeit - Angeboren oder erlernbar?
Die Unternehmerpersönlichkeit gilt als der entscheidende Erfolgsfaktor für die Umsetzung unternehmerischer ldeen. Sie ist noch wichtiger als die Geschäftsidee selbst. In diesem Zusammenhang fallen häufig Begriffe wie Innovationsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Risikobereitschaft, Durchsetzungskraft, Führungsstärke, Konfliktfähigkeit, Zuhören, Mut. Alles wichtig, oder? Welche Schlüsseleigenschaften führen zum Erfolg? In welcher Phase sind welche Eigenschaften relevant? Kann man diese Fähigkeiten trainieren? Oder steckt das in den Genen?
Existenzgründungen als Alternative zur abhängigen Beschäftigung haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Globalisierung, technologischer Fortschritt, Kampf um die Wettbewerbsfähigkeit, Rationalisierung und eine damit einhergehende gravierende Veränderung des Arbeitsmarktes haben dem Thema Selbstständigkeit eine dauerhafte Aktualität beschert. Die zunehmende Verlagerung von Erwerbstätigkeiten ins Ausland und der Wandel vom industriellen Produktions- in den Dienstleistungsbereich lassen in steigendem Maße Erwerbsformen wie Teilzeitarbeit, Werkvertrags- und Leiharbeit und auch Selbstständigkeiten entstehen. Jobs auf Lebenszeit wie in der Generation unserer Eltern wird es künftig nicht mehr geben. Es ist eine Notwendigkeit, dass sich die Menschen darauf einstellen, dass es in zehn oder 15 Jahren nicht mehr genug abhängige Beschäftigungsmöglichkeiten für alle, die Geld verdienen müssen, geben wird. Der Mensch ist zunehmend gefordert Eigenverantwortung - auch für die eigene Existenzsicherung - zu übernehmen.
Doch der Mut der Deutschen, aus dem eigenen Potential etwas zu machen, ist trotz hervorragender Förderinfrastruktur noch sehr bescheiden. Zu groß ist die Sorge, zu scheitern. Aber immer häufiger ist es nicht nur die pure Lust an der Eigenständigkeit, die zur Gründung eines Unternehmens motiviert, sondern die Notwendigkeit, sich selbst Perspektiven schaffen zu müssen. Um den Schritt in die Selbstständigkeit auch mittel- und langfristig erfolgreich zu gestalten, benötigt ein Gründer bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten. Der Anteil derjenigen, die sich selbst als geeignet einschätzen, liegt laut GEM 2006 (Global Entrepreneurship Monitor) bei 39 Prozent. Das stimmt optimistisch, lässt aber dennoch die Forderung nach einer frühzeitigen, gründungsbezogenen Sensibilisierung und Ausbildung laut werden.
Der Wirtschaftswissenschaftler Sven Ripsas entwickelte bereits Ende der neunziger Jahre ein ganzheitliches Bildungsmodell für die Unternehmerqualifizierung, das experimentelles Lernen mit dem Training von drei Kernfaktoren verband: Kreativität, Managementwissen und "leadership skills". Darüberhinaus sollte das Schreiben eines Businessplans Gründungsinteressierten die Chance der Prüfung und Entscheidung über die Umsetzung der Ideen Vorschub geben.
Aktuell bleibt in diesem Zusammenhang und vor dem Hintergrund geänderter Lebens- und Arbeitsbedingungen die Frage, ob man auch Menschen mit nur bedingt unternehmerischen Fähigkeiten zum Unternehmer ausbilden kann. Was sind die essentiellen Fähigkeiten und worauf muss man achten, um erfolgreich zu sein? Und welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?
Wir fragen Martin Salzwedel, Berater, Trainer und Führungskräfte-Coach bei Unternehmen in Europa, Nord- und Südamerika, Japan, China und Indien. Heute Senior Consultant und Leiter des Instituts für Persönlichkeitsentwicklung der Boston Business School, Zürich, Boston, Tokio. Er weiß, wovon er spricht: ausgebildet als Musiklehrer und Diplommusiker merkte er früh, dass ein lebenslanger Verbleib im Lehramt oder Orchester trotz aller Liebe zur Musik nicht sein Ding sein würde. Nach einer internationalen Karriere sind seine heutigen Schwerpunkte das weltweite Coaching und Training von Führungskräften mit den Schwerpunkten Kommunikation in Führung, Verhandlung und Vertrieb, Interkulturelle Kompetenz und Persönlichkeitsentwicklung. Die Musik und seine Fähigkeiten als ausgebildeter Cellist setzt er ein, um sein Gegenüber zu öffnen und Vertrauen aufzubauen.
Herr Salzwedel, Persönlichkeitsentwicklung, das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt im Projekt „Gründen im Team“. Als Gründer fällt man schließlich nicht vom Himmel und muss sich in die ergebnisorientierte Mädchen-für-alles-Situation erst einmal hineinfinden. Was sind überhaupt typische Unternehmereigenschaften?
„Ein selbständiger Unternehmer ist jemand, der selbst ständig etwas unternimmt.“ Das war der Leitsatz, den Führungskräfte in meiner Tätigkeit als Bezirksdirektor und Marktmanager bei der Bertelsmann AG in den 90 er Jahren immer gerne benutzt haben. Mit dieser Aussage sollte das Schwergewicht darauf gelegt werden, dass eine unternehmerische Führungskraft, damals das Idealbild, das es zu verfolgen galt, nicht darauf wartet, dass irgendjemand ihr sagt, was sie zu tun hat. Sei es ein Vorgesetzter, ein Kollege oder der Markt, bzw. der Kunde. Selbst wenn dann Tätigkeiten verfolgt werden, die nicht unbedingt sofort zu den gewünschten Ergebnissen führen, ist die Vielzahl der Eigeninitiativen eine Grundvoraussetzung für unternehmerischen Erfolg. Gepaart mit der Fähigkeit zur Selbstreflektion und einer Strategie in Bezug auf die potenziellen Kunden, die klare Vorgehensweisen definiert, sowie kurzfristigen taktischen Überlegungen ist das eine der wichtigsten Voraussetzungen.
Motivation ist zwar ein sehr wichtiger Faktor, macht aber alleine noch keinen Erfolg. Wie entscheidend ist der Charakter eines angehenden Unternehmers?
Motivation ist ein wichtiges Element emotionaler Intelligenz. Aber die Motivation alleine reicht nicht aus. Emotionale Intelligenz wurde als der stärkste Indikator für Führungserfolg bezeichnet, noch vor dem Intelligenzquotienten (IQ) und auch noch vor dem weiten Feld von Berufserfahrung. Emotionale Intelligenz beschreibt intra-personale Intelligenz, was so viel bedeutet, wie sich selber gut zu kennen und zu akzeptieren, sich selbst gut zu organisieren und zu motivieren und inter-personale Intelligenz, was so viel bedeutet, wie mit anderen Menschen effektive Beziehungen auf- und auszubauen. Emotionale Kompetenz, so wie Daniel Goleman sie definiert, besteht aus Selbstbeherrschung, speziell im Bereich der Emotionen (management and control of emotions which can also become too much self-regulation), Selbsterkenntnis (self-awareness) der eigenen Mechanismen, Motivation, Empathie und sozialen Fähigkeiten. Das sind sehr wichtige Kompetenzen sowohl für Führungskräfte, als auch für Unternehmer.
Die Verbindung von rationalem Pragmatismus verbunden mit emotionaler Innovationsfähigkeit (Einwurf MS „Intelligenz scheint mir ein besserer Begriff an dieser Stelle zu sein“) scheint eine gute Voraussetzung für erfolgreiches unternehmerisches Handeln zu sein. Doch wie viele Menschen verfügen tatsächlich über dieses Eigenschafts-Gespann?
Das ist in der Tat einer der wesentlichen Aspekte, den Sie hier ansprechen. In unserer Vorstellung ist das paradox. Entweder ein Unternehmer ist pragmatisch oder er ist emotional intelligent. Beides kommt nicht in einem Paket. Und dem möchte ich entschieden widersprechen. Oberflächlich betrachtet mag es so erscheinen, in Wirklichkeit hat jeder Mensch diese verschieden Qualitäten unterschiedlich stark ausgeprägt. Hier setzt die Selbsterkenntnis des eigenen Charakters an. Wenn ein Projekt ein Misserfolg wird, sagt sich der eine Unternehmer, dass der Kunde halt einfach noch nicht so weit war, der andere sieht den Fehler bei sich und malträtiert sich mit Selbstvorwürfen. Was habe ich nur wieder falsch gemacht? Hier muss der Unternehmer sich selbst (oder ein guter Coach von außen) sehr unterschiedliche Tipps geben, was die Lösung der verfahrenen Situation eines gescheiterten Projekts anbelangt. Wo der erste sich selber mehr hinterfragen muss, sollte der zweite sich ruhig mal eingestehen, dass der Kunde schwierig war.
Handlungsmotiv Macht/Einfluss versus Selbstverwirklichung. Wer kommt eher zum Ziel? Und warum?
Wer Macht oder Einfluss ausüben möchte, sollte es lieber in einem Konzern oder in der Politik versuchen. Als Gründer / Unternehmer hat man keine Macht über andere. Die Devise für den Gründer lautet Selbstbeherrschung im positiven Sinne, versus Herrschen über andere. Letzteres ist ein Motiv für manchen Persönlichkeitstyp, braucht aber Strukturen, in der Regel Hierarchien, die ein Gründer zunächst nicht vorfindet. Von daher bleibt die Selbstverwirklichung. Ich habe persönlich sehr viele erfolgreiche Kleinunternehmer kennen gelernt, die sich selber (einige davon in einer durch Arbeitsplatzverlust ausgelösten Krise) gefragt haben, was kann ich gut? Was liebe ich an dieser Tätigkeit? Welchen potenziellen Nutzen hat der Kunde davon? Wer sind diese Kunden? Wie kann ich sie besser verstehen und ihnen noch besser zu ihrem Erfolg verhelfen?
Wir bei GiT haben ja schon die erstaunlichsten Entwicklungen erlebt: Menschen, die sich anfangs fast zaghaft vorstellten, geben später anderen selbstbewusst Tipps für eine gute Präsentation. Nicht immer gründen diese Menschen, aber die Gruppendynamik hat sie einen großen Schritt weitergebracht. Gibt es Kernanlagen und solche Eigenschaften – fachlich und persönlich – die man entwickeln kann? Welche sind das?
Fachliche Kompetenz ist einfach die grundlegende Voraussetzung! Persönliche Charaktereigenschaften sind in uns angelegt; die gilt es zu erkennen. Wichtig sind aber vor allem die sozialen Kompetenzen und die kann man trainieren: Einfühlungsvermögen, Fähigkeit und Bereitschaft zum Perspektivwechsel, klares Rollenbewusstsein und die Fähigkeit zum Rollenwechsel, Lösungsorientierung und strategische Ausrichtung, Kritikfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Krisenfestigkeit, Unterstützung nicht-konformer „Mitglieder“, taktisch kluge Positionierung im Team.
Solche Unternehmereigenschaften lassen sich sicher nicht frontal vermitteln. GiT baut auf den Unternehmercheck mit Insights Discovery, gezielte Coachinggespräche und die persönliche Entwicklung, die sich innerhalb des interaktiven GiT-Prozesses mit der Idee und in der Gruppe vollzieht. Der Mensch wächst also mit seinen Aufgaben. Wann und wie kann und sollte man mit der Förderung unternehmerischen Denkens und dem Einüben unternehmerischer Handlungsweisen beginnen, um mehr Eigenverantwortung zu initiieren?
Eigenverantwortung ist das Thema der Zeit, d.h. sie ist überall und jederzeit gefragt. Wir merken das an den Entwicklungen der Staatssysteme im Osten, die nach und nach bröckeln, auch, weil dort das System die Verantwortung für das Individuum übernommen hat und das in der modernen Welt nicht mehr zeitgemäß ist. Wer Menschen zu eigenverantwortlichen Individuen heranbilden will, sollte früh damit beginnen. Also eigenverantwortliches denken von Kindesbeinen an und unternehmerisches Denken bereits in der Schule, Ausbildung, Hochschule implementieren.
Sie haben einen neuen Ansatz entwickelt und bauen auf das Enneagramm als höchst komplexes Persönlichkeitsmodell zur Reflexion und persönlichen Weiterentwicklung. Warum?
Ganz einfach – weil es das beste Modell ist, das wir kennen. Auf den ersten Blick ist es komplexer als andere Persönlichkeitstypologien, aber selbst eine kurze Beschäftigung mit dem Modell sensibilisiert Unternehmer und Führungskräfte für die Unterschiedlichkeit von Menschen. Die heutigen Anforderungen gehen zunehmend in die Richtung, sich selber besser zu kennen. Darunter verstehen wir, dass man Selbstbeobachtung und Selbstreflektion betreibt, also die gewohnheitsmäßigen Muster des Denkens, Fühlens und Handelns beobachten und dann verändern lernt. Das Enneagramm bietet eine sehr präzise, in allen Kulturen getestete Beschreibung von Mustern menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns als Grundlage zur Selbstreflektion an, die sehr viel Potenzial bietet.
Was leiten Sie daraus für die Entwicklung von eigenverantwortlich denkenden und handelnden Unternehmerpersönlichkeiten ab?
Das Enneagramm trifft Aussagen darüber, warum jemand so handelt, wie sie oder er es tut. Es beschreibt den einzelnen Menschen nicht - wie viele andere Typologien - als Verknüpfung bestimmter Persönlichkeitsfaktoren, sondern als ganze, in sich komplexe Persönlichkeit, mit einer Entwicklungsgeschichte und einer Grundmotivation, die wesentlich das gesamte Handeln bestimmt. Von daher ist es extrem wertvoll, um menschliche Interaktionen eleganter und effektiver zu gestalten, aber auch um schwierige Situationen zu meistern, wie bei Konflikten, in Krisen oder bei der Äußerung von Kritik. Die eigenen Automatismen in schwierigen Situationen zu erkennen mag zwar für einen Moment unangenehm sein, mittel- und langfristig erweitert es aber die Handlungsoptionen für situationsgerechte Entscheidungen. Und damit wird der (potentielle) Unternehmer seiner Verantwortung insgesamt mehr gerecht.
Und schließlich: Über den beruflichen Kontext hinaus bietet das Enneagramm - im Unterschied zu anderen Typologien - vielfältige Denk- und Reflexionsanstöße für alle diejenigen an, die einen neuen Zugang zu ihrem individuellen Lebenssinn suchen. Und schon die Auseinandersetzung mit den Verhaltensmustern liefert reichhaltigen Treibstoff für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit.
Haben Sie konkrete Tipps für potentielle Gründer?
Den Kunden kennen lernen! Nicht vergessen: Er zahlt die Rechnung! Ich als Auftragnehmer muss dafür sorgen, dass der Kunde aus seiner Sicht erfolgreicher wird bzw. das, was er für sich als Erfolg definiert, eintritt. Das bedeutet, so oft wie möglich die Perspektive wechseln und die Sache mit Kundenaugen betrachten. Ich verweise in dem Zusammenhang gerne auf den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupery. Da geht es um Gespräch, Begegnung und Vertrauensbildung. In dieser Geschichte tauchen die Begriffe auf, die eine von Vertrauen geprägte Beziehung einleiten und ermöglichen: Sich brauchen – aufeinander angewiesen sein – einmalig sein – begehrenswert sein – traurig sein, wenn der andere gar nicht oder nicht pünktlich kommt – sich auf das Kommen des
anderen freuen – verstohlen aus dem Augenwinkel beobachten – nichts sagen, nicht gleich »auf Sendung gehen« – den Kunden nicht »zuquatschen« – aktiv zuhören – den anderen ganz langsam kennen lernen, viel über ihn erfahren – sich mit ihm vertraut machen – Bräuche praktizieren – seine Kunden »zähmen«.
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Ich danke auch. Es hat wirklich Spaß gemacht.
Die GiT-Fragen stellte Anke Patt
Wer mehr erfahren will, findet hier folgende Tipps
Das Projekt GiT arbeitet mit der Persönlichkeitsanalyse "Insights discovery", um Menschen im Wissen um ihre Stärken und Schwächen - und im Umgang damit - zu unterstützen. Sie möchten mehr über sich herausfinden? Nehmen Sie Kontakt auf: Gabriele Zimmermann, zimmermann@gruendenimteam.de
Wer mehr über Führung und das Enneagramm erfahren will, hier unser Buchtipp:
Führen ist Charaktersache – Überzeugen durch Authentizität und soziale Kompetenz von Martin Salzwedel und Ulf Tödter
191 Seiten, 14,95 Euro
Cornelsen Verlag ISBN 978-3-589-23588-9
Und wer etwas über Gespräche, Begegnung und Vertrauensbildung erfahren will, lese
Der Kleine Prinz
von Antoine de Saint-Exupéry
"Und hier ist mein Geheimnis", sagte der Fuchs,
"es ist ganz einfach."
"Man sieht nur mit dem Herzen gut,
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Autor(in): Anke Patt, Martin Salzwedel
