Was würde Google tun?
05.11.2009
Haben Sie schon einmal einen Tag im WWW verbracht, sind gesurft und haben nach Informationen und Angeboten durchgeschaut, ohne Google zu nutzen? Und wann haben Sie zuletzt etwas bei Google gekauft, oder erinnern Sie sich überhaupt an etwas, was es bei Google zu kaufen gibt? Für die große Mehrheit der NutzerInnen des WWW hängen diese beiden Fragen in keinsterweise zusammen: man kommt nicht ohne Google durch Netz, doch man zahlt auch nie dafür. So macht Google sein Geschäft. Was würde Google tun, wenn es Ihr Geschäft machen würde?
Der letzten Frage sollten wir etwas Zeit und Nachdenken widmen. Von der Firma Google Inc. aus Kalifornien ist nicht bekannt, das sie gerade in die Insolvenz schliddert, auch gilt sie als einer der bestbewerteten Wunscharbeitgeber weltweit, und doch sind ihre Kerndienstleistungen wie Suchmaschine, Gruppen- und Anwendungs-Software komplett kostenfrei erhältlich. Gut, Unternehmen mit einem Vertriebskanal via Internet kennen die Anzeigendienste AdWords und AdSense von Google, die zum Teil Geld einspielen. Doch erklärt dies nur zu einem geringen Teil den Wert des Unternehmens oder seine Umsätze. Der betriebswirtschaftlichen Frage wollen wir im Folgenden nicht weiter nachgehen, denn mit ein wenig Recherche im Web (Google selbst listet zum Suchbegriff „Google“ in 0,32 Sekunden ca. 2 Milliarden Treffer) werden Antworten darauf gefunden, die relativ ernüchternd sind. (Kurz gefasst: Google ist nicht der Weihnachtsmann und hat nur einiges, nicht alles zu verschenken.)
Was mit dem Erscheinen des aktuellen Buches von Jeff JARVIS interessiert, betrifft die Denkhaltung und das Geschäftsverständnis, welche hinter dem Erfolg von Google Inc. steht. JARVIS versucht auf gut 400 Seiten die Titelfrage auszuloten und für verschiedene Geschäftsfelder durchzuspielen: Was würde Google tun? Die Beantwortung der Titelfrage braucht tatsächlich wenigstens die ersten 200 Seiten, um ihre Fixpunkte zu markieren. An eine klare Antwort findet die/der aufmerksame LeserIn dabei allerdings nicht. Statt dessen rückt JARVIS sein eigenes Credo ins Zentrum – und das wird gebetsmühlenartig alle paar Seiten wiederholt, bis man glaubt es stamme von Google: Wenn man den UserInnen die Kontrolle überlässt, dann werden sie sie nutzen. Das beschreibt die Idee des Web 2.0 und nur in diesem „Mitmach-Internet“ scheint denn Google-Denke zu funktionieren. Weil Google diese Informationen verknüpft und auslotet, teils über die Algorithmen seiner Suchmaschine, teils mit Beobachtungs- und Auswertungsmethoden die sich komplette Websiteinhalte vorknöpfen.
Ich habe in dem Buch vor allem eines vermisst: Die Liste der 5, 7 oder 12 grundlegenden Anweisungen, Techniken oder Checklisten-Punkte, nach denen ich ein Geschäft ähnlich erfolgreich aufbauen kann. Diese Liste gibt es nicht; nicht in Ansätzen und selbst nicht einmal in einer Zusammenfassung des Buches! Macht dies das Buch überflüssig? Nein, nur anstrengender zu lesen, weil man wirklich alles aufnehmen muss, um von der „Google-Denke“ durchdrungen zu sein – und dann klappt es vielleicht auch mit der Übersetzung in eigene Vorhaben. Dann zeigt sich die Tragweite des Buches, die gut verschlüsselt ist, vielleicht weil sie mit der Überwindung einer (aus Web 2.0-Sicht) fatalen Denkhaltung bricht: KundInnen sind keine raffgierigen Monster und Markt keine Form von Raubtierfütterung! Deine Kundschaft kennt dich viel besser, weil sie (alleine?) weiß, ob sie deine Produkte & Dienstleistungen kaufen wird – und warum!
Jetzt müssen wir wenigstens die o.a. ‚Fixpunkte‘ zusammentragen, damit wir etwas in der Hand haben und die Lektüre sich gelohnt hat. Als meine Liste guter Ratschläge, die ich aus dem Buch ziehe, hat folgende Punkte:
• Zu jedem & allem kann heute verlinkt werden; die Guten darunter sind spezialisiert auf ihrem Feld. Werden auch Sie SpezialistIn in ihrem Geschäftsfeld und linken sie zu allem anderen im Umfeld.
• Ihre spezielle Zielgruppe hat bereits ihre Netzwerke. Werden Sie ein Teil davon, hören sie ihr gut zu und unterstützen Sie sie z.B. als Plattform. Früher hieß das, man müsse das Gras wachsen hören.
• „Das Leben findet öffentlich statt, das Wirtschaftleben ebenfalls.“ (Jeff JARVIS) Vertrauen Sie auf die daraus erwachsenden Effekte für Ihr Geschäft.
• Das eine Produkt, die eine Dienstleistung, die alle wollen und haben sollen, gibt es nicht mehr. Gehen Sie in die Nischen und suchen Sie dort die ‚kleinen Massen‘ – bestenfalls die Masse an Nischen.
• Da die Bewegungen auch ohne Sie stattfinden, gehen Sie aus dem Weg, um sie zu begleiten, zu unterstützen und um kein Hindernis zu sein. Fördern Sie Innovationen ihrer Zielgruppe.
• Hören Sie zu. Fragen Sie nach. Hören Sie hin!
Erwarten Sie damit keine Patentrezepte, es sind nicht einmal patente Rezepte. Im Kern sind diese ‚Tipps‘ schon vielfach genutzt und anderswo (z.B. im EKS und neuerer Managementliteratur) beschrieben worden. Meine Erfahrungen sind, seitdem mir diese Ratschläge zu Leitgedanken wurden, dass ich mein Geschäft besser verstehe, weil ich den einzigen zugewandt bin, die meine Arbeit bezahlen.
In den USA hat sich um „Was würde Google tun?“ eine breite Diskussion ergeben, die über das Suchwort WWGD („What Would Google Do?“) recherchiert werden kann; im deutschsprachigen Raum mehren sich ebenfalls seit dem Frühjahr 2009 die Diskussionen über veränderte Geschäftsmodelle im Web 2.0 und neue Geschäftsstrategien gemäß einer „Google-Denke“. Lässt sich der Erfolg wiederholen; steht auch anderen Geschäftsfeldern einer vergleichbare Umkrempelung bevor; und wie schaut es aus bei welchen Investitionen, wenn man da ganz weit vorne auf die Welle will? Wenn Sie nach Antworten auf diese Fragen suchen, so sagt das Buch, suchen Sie die bei Ihren KundInnen und deren Netzwerken und schalten Sie sich aktiv ein, auch & weil man Ihnen die Leviten lesen kann/wird. Das Buch von JARVIS brauchen Sie nur dann durchackern, wenn Sie wissen wollen, warum Sie die nutzenorientierte und zukunftsoffene Kommunikation mit Ihren KundInnen aufnehmen sollten.
- - - -
Jeff JARVIS: Was würde Google tun? Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert. 2009 München: Wilhelm Heyne Verlag [ISBN 978-3-453-15537]
Autor(in): stephan tanneberger
